Amer - Die dunkle Seite der Träume

    • Amer - Die dunkle Seite der Träume



      Produktionsland: Frankreich, Belgien
      Produktion: François Cognard, Eve Commenge
      Erscheinungsjahr: 2009
      Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani
      Drehbuch: Hélène Cattet, Bruno Forzani
      Kamera: Manuel Dacosse
      Schnitt: Bernard Beets
      Spezialeffekte: Lionel Le
      Budget: -
      Musik: -
      Länge: ca. 90 Minuten
      Freigabe: FSK Keine Jugendfreigabe
      Darsteller: Marie Bos, Delphine Brual, Harry Cleven, Bianca Maria D'Amato, Cassandra Forêt, Charlotte Eugène Guibeaud, Bernard Marbaix, Jean-Michel Vovk


      Inhalt:

      Der Debütfilm von Hélène Cattet und Bruno Forzani huldigt dem italienischen Subgenre des "Giallo", die als Vorläufer der amerikanischen Slahser-Filme gelten. Fragementarisch, fast in Form einer Collage, erzählt "Amer" vom Leben seiner Protagonistin Ana als Kind, Teenager und junge Frau, die sich immer wieder mit ihren Ängsten und Obsessionen konforntiert sieht.


      Trailer:


      Homepage: amer-film.com/

      Kino Frankreich: 03.03.2010
      Fantasy Filmfest 2010
      Kinostart in Deutschland: 19.01.2012
      Deutsche DVD & Blu-Ray Fassung: 24.02.2012

      Meinung von DeathShark:

      Spoiler sind enthalten

      Wenn man sich etwas über Amer umhört, fallen einem immer wieder dieselben Stichworte auf. Von einer Hommage an Bava und Argento wird gesprochen, von der Wiederbelebung des Giallo. Als Fan dieser Werke war ich natürlich rasend gespannt. Nachdem ich den Film aber gesehen hatte, stellte sich mir dann doch eine Frage.
      Sollte man Amer wirklich nur auf eine Hommage an diese Filme reduzieren?

      Nicht unbedingt. Amer greift sicher viele Motive aus diesem Genre auf, jedoch werden diese auch weitergedacht und auf eine ganz eigene Art und Weise inszeniert. Primär ist der Film nämlich ein audiovisuelles Erlebnis sondergleichen, ein Kinogedicht wie man es nur selten sieht und welches möglichst auf einer großen Leinwand gesehen werden sollte. Extreme Close-Ups wechseln mit schnellen Schnitten, Verzerrungen und anderen künstlerischen Stilmitteln. Amer ist ein Film, welcher genau hinhört, jedes Geräusch, wird zum zentralen Punkt einer Szene emporgehoben. Ein Windstoß, ein Messer zwischen den Zähnen, alles wird für den Zuhörer spürbar gemacht.

      Der Film besteht aus 3 Teilen. Im ersten wird die Jugend eines Mädchens, Ana, behandelt. Dieser Teil ist am stärksten von Argento beeinflusst und weißt ganz eindeutige Merkmale seines Meisterwerks Suspiria auf. Trotz der klar erkennbaren Motive, behält Amer aber eine eigene Linie bei, die Geschichte um Okkultismus und einer Hexe bleibt ungewiss und mehr eine Rahmenhandlung. Im Zentrum des Films steht Ana, mit ihren Ängste, Fantasien und Wünschen. Die Gedanken eines Kindes werden so bunt und chaotisch aufgezeigt, wie sie nun mal eben sind. Der Film zeigt eine Kindheit, welche von Gewalt, Streit und Einsamkeit beeinflusst ist. Das Kinderzimmer wird zum Zufluchtsort, ein Handtuch vor dem Türschloss ein undurchdringlicher Schutz gegen das Böse. Auch das Sexuelle wird bereits angedeutet, Ana beobachtet ihre Mutter beim Sex mit ihrem Liebhaber, welcher für Ana einen armseligen Vaterersatz bedeutet. Amer verwendet hier die typischen Primärfarben des Giallo, bewegt sich erzählerisch aber mehr auf der Schiene Lynchs oder der frühen Filme Polanskis. Die Geschichte wird in ihre Einzelteile zerlegt, nur fragmentarisch wird weitererzählt oder gesprochen, der Film kreist um das Geschehen und seine Personen und lässt den Zuschauer auch öfters mal den Überblick verlieren. Nur eines bleibt immer klar, der Blick auf die Welt durch Anas Augen.

      Der zweite Teil spielt einige Jahre später, Ana ist ein Teenager und geht mit ihrer Mutter einkaufen. Der Spaziergang an einer französischen Uferpromenade entlang ist grandios eingefangen und mit toller Musik unterlegt. In diesem Teil geht es hauptsächlich um das Erwachen von Anas sexuellem Empfinden. Immer präsent auch eine nicht zuordenbare Gefahr. Ein dunkler Unterton begleitet den ganzen Film. Jeder Shot, jede Einstellung gilt hier Ana, nur mit einem knappen Kleid bekleidet. Die Kamera sieht hier ganz unverhohlen auf das Mädchen, ein kurzer Blick unter den Ruck, auf die luftige Bluse und die Haare, welche verführerisch vom Wind ins Gesicht getragen werden. All das mündet in einer pervers anmutenden Situation, in der Ana wie ein Model an einer Gruppe lüsterner Biker vorbei schreitet. Am Ende wird sie dafür von ihrer Mutter geschlagen. Die Gewalt ist in Amer immer koexistet zur sexuellen Obsession.

      Im dritten und letzten Teil kehrt Ana als Erwachsene Frau auf das verfallene Anwesen ihrer Eltern zurück. Bereits auf der Taxifahrt spürt Ana die begierigen Blicke des Taxifahrers, sie verfällt in einen schwülen Tagtraum, ihre Kleider werden ihr vom Leib gerissen. Im Haus verschwimmt dann die Grenze zwischen Traum und Realität völlig, der Zuschauer ist auch hier wieder öfters überfordert, man verliert leicht den Überblick. Hier höre ich mit dem Inhalt nun auch auf, den letzten Teil und das Ende soll jeder selbst erleben und deuten.

      Sicher ist eins, der gemeine Horrorfan ist bestimmt enttäuscht. Die zerschlagene Erzählstruktur und die doch dürftige Handlung haben einige Längen zur Folge. Amer ist ein Film fürs Kino, ein Erlebnis, welches am heimischen Bildschirm leider stark verliert. Ein Filmexperiment, welches den Geist des Giallo und ihrer Meister atmet, aber sie auch weiterführt und ihnen somit ein würdiges Denkmal setzt. Ein Film der zitiert, aber niemals nur kopiert. Einen Blick sollen all diejenigen wagen, welche etwas für außergewöhnliche Filme übrig haben. Auf einige Längen sollte man aber gefasst sein.

      [film]7[/film]
    • Amer

      Der Debütfilm von Hélène Cattet und Bruno Forzani huldigt dem italienischen Subgenre des "Giallo", die als Vorläufer der amerikanischen Slahser-Filme gelten. Fragementarisch, fast in Form einer Collage, erzählt "Amer" vom Leben seiner Protagonistin Ana als Kind, Teenager und junge Frau, die sich immer wieder mit ihren Ängsten und Obsessionen konforntiert sieht.

      Länge: 90 (Min.)
      Alterius non sit, qui suus esse potest.
    • Spoiler sind enthalten

      Wenn man sich etwas über Amer umhört, fallen einem immer wieder dieselben Stichworte auf. Von einer Hommage an Bava und Argento wird gesprochen, von der Wiederbelebung des Giallo. Als Fan dieser Werke war ich natürlich rasend gespannt. Nachdem ich den Film aber gesehen hatte, stellte sich mir dann doch eine Frage.
      Sollte man Amer wirklich nur auf eine Hommage an diese Filme reduzieren?

      Nicht unbedingt. Amer greift sicher viele Motive aus diesem Genre auf, jedoch werden diese auch weitergedacht und auf eine ganz eigene Art und Weise inszeniert. Primär ist der Film nämlich ein audiovisuelles Erlebnis sondergleichen, ein Kinogedicht wie man es nur selten sieht und welches möglichst auf einer großen Leinwand gesehen werden sollte. Extreme Close-Ups wechseln mit schnellen Schnitten, Verzerrungen und anderen künstlerischen Stilmitteln. Amer ist ein Film, welcher genau hinhört, jedes Geräusch, wird zum zentralen Punkt einer Szene emporgehoben. Ein Windstoß, ein Messer zwischen den Zähnen, alles wird für den Zuhörer spürbar gemacht.

      Der Film besteht aus 3 Teilen. Im ersten wird die Jugend eines Mädchens, Ana, behandelt. Dieser Teil ist am stärksten von Argento beeinflusst und weißt ganz eindeutige Merkmale seines Meisterwerks Suspiria auf. Trotz der klar erkennbaren Motive, behält Amer aber eine eigene Linie bei, die Geschichte um Okkultismus und einer Hexe bleibt ungewiss und mehr eine Rahmenhandlung. Im Zentrum des Films steht Ana, mit ihren Ängste, Fantasien und Wünschen. Die Gedanken eines Kindes werden so bunt und chaotisch aufgezeigt, wie sie nun mal eben sind. Der Film zeigt eine Kindheit, welche von Gewalt, Streit und Einsamkeit beeinflusst ist. Das Kinderzimmer wird zum Zufluchtsort, ein Handtuch vor dem Türschloss ein undurchdringlicher Schutz gegen das Böse. Auch das Sexuelle wird bereits angedeutet, Ana beobachtet ihre Mutter beim Sex mit ihrem Liebhaber, welcher für Ana einen armseligen Vaterersatz bedeutet. Amer verwendet hier die typischen Primärfarben des Giallo, bewegt sich erzählerisch aber mehr auf der Schiene Lynchs oder der frühen Filme Polanskis. Die Geschichte wird in ihre Einzelteile zerlegt, nur fragmentarisch wird weitererzählt oder gesprochen, der Film kreist um das Geschehen und seine Personen und lässt den Zuschauer auch öfters mal den Überblick verlieren. Nur eines bleibt immer klar, der Blick auf die Welt durch Anas Augen.

      Der zweite Teil spielt einige Jahre später, Ana ist ein Teenager und geht mit ihrer Mutter einkaufen. Der Spaziergang an einer französischen Uferpromenade entlang ist grandios eingefangen und mit toller Musik unterlegt. In diesem Teil geht es hauptsächlich um das Erwachen von Anas sexuellem Empfinden. Immer präsent auch eine nicht zuordenbare Gefahr. Ein dunkler Unterton begleitet den ganzen Film. Jeder Shot, jede Einstellung gilt hier Ana, nur mit einem knappen Kleid bekleidet. Die Kamera sieht hier ganz unverhohlen auf das Mädchen, ein kurzer Blick unter den Ruck, auf die luftige Bluse und die Haare, welche verführerisch vom Wind ins Gesicht getragen werden. All das mündet in einer pervers anmutenden Situation, in der Ana wie ein Model an einer Gruppe lüsterner Biker vorbei schreitet. Am Ende wird sie dafür von ihrer Mutter geschlagen. Die Gewalt ist in Amer immer koexistet zur sexuellen Obsession.

      Im dritten und letzten Teil kehrt Ana als Erwachsene Frau auf das verfallene Anwesen ihrer Eltern zurück. Bereits auf der Taxifahrt spürt Ana die begierigen Blicke des Taxifahrers, sie verfällt in einen schwülen Tagtraum, ihre Kleider werden ihr vom Leib gerissen. Im Haus verschwimmt dann die Grenze zwischen Traum und Realität völlig, der Zuschauer ist auch hier wieder öfters überfordert, man verliert leicht den Überblick. Hier höre ich mit dem Inhalt nun auch auf, den letzten Teil und das Ende soll jeder selbst erleben und deuten.

      Sicher ist eins, der gemeine Horrorfan ist bestimmt enttäuscht. Die zerschlagene Erzählstruktur und die doch dürftige Handlung haben einige Längen zur Folge. Amer ist ein Film fürs Kino, ein Erlebnis, welches am heimischen Bildschirm leider stark verliert. Ein Filmexperiment, welches den Geist des Giallo und ihrer Meister atmet, aber sie auch weiterführt und ihnen somit ein würdiges Denkmal setzt. Ein Film der zitiert, aber niemals nur kopiert. Einen Blick sollen all diejenigen wagen, welche etwas für außergewöhnliche Filme übrig haben. Auf einige Längen sollte man aber gefasst sein.

      [film]7[/film]
      What fools these Mortals be!