Die rote Wüste

    • Die rote Wüste



      Alternativer Titel: Red Desert, Il deserto rosso,
      Produktionsland: Italien/Frankreich
      Produktion: Antonio Cervi
      Erscheinungsjahr: 1964
      Regie: Michalangelo Antonioni
      Drehbuch: Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra
      Kamera: Carlo Di Palma
      Musik: Giovanni Fusco, Vittorio Gelmetti, Carlo Savina
      Länge: ca. 120 min.
      Darsteller: Monica Vitti, Richard Harris


      Inhalt: Nach einem Autounfall leidet die italienische Ingenieursfrau Guiliana an extremen neurotischen Ängsten: Ihre Familie wird ihr fremd, sie fühlt sich von der industriellen Umwelt in ihrer Heimatstadt Ravenna bedroht und hat sogar apokalyptische Visionen. Nach einer kurzen Liason mit Zeller, einem Kollegen ihres Mannes, kehrt sie ins alltägliche Leben zurück, dessen Haltlosigkeit sie zu akzeptieren gelernt hat. (Quelle: Moviepilot.de)


      Trailer:


      Kritik: Aus verschwommenen Umrissen manifestiert sich langsam eine bedrochlich pochende Industrielandschaft. Wir sind im Italien der 60er Jahre, genauer gesagt in Ravenna. Die Kamera fährt über eine kahle Landschaft. Neben streikenden Arbeitern tritt eine Frau, ganz in grün, mit ihrem Sohn ins Bild. Giuliana, überragend gespielt von Monica Vitti, wirkt wie ein Fremdkörper in dieser erkalteten grauen Welt. Sie bewegt sich zögernd, wirkt unsicher. Im Hintergrund Maschinenlärm und rauchende Industrieschlote. Sie kauft einem Arbeiter ein Brot ab, isst es irgendwo hinter einem Gestrüpp. Neben ihr dampft es aus den Tümpeln, die Welt wirkt tot und vergiftet. Selten sah man derart beeindruckende Aufnahmen der Industrialisierten Welt, immer wandelnd zwischen Schönheit und Schrecken.

      Antonioni präsentiert uns Giuliana gleich zu Beginn als verstörte Frau, mit unruhigem Blick. Sie ist verheiratet, hat einen Sohn. Nachts wacht sie auf, hat Alpträume. Ihr Zuhause ähnelt mehr einem Krankenhaus oder einer Anstalt. Alles wirkt kalt und steril.
      Später erfahren wir, dass sie die Schuld für ihre psychischen Probleme, einem leichten Autounfall zuschiebt, bei dem aber niemand verletzt wurde.
      Giuliana möchte ein Geschäft eröffnen, inmitten einer verlassenen und heruntergekommenen Gasse. Sie weiß noch nicht was sie verkaufen möchte. Sie wirkt planlos. Ein Geschäftspartner ihres Mannes, Corrado besucht sie. Man merkt, dass er an Giuliana interessiert ist. Als sie das Geschäft verlässt, setzt sie sich neben einen kleinen Karren, ein Verkaufsstand eines alten verwahrlosten Mannes. Beide sitzen da, und der Zuschauer blickt in ihre Gesichter, einsam und vergessen.

      Giuliana und Corrado fahren aus der Stadt raus, er muss für seinen Betrieb Arbeiter von außerhalb anwerben. Beide scherzen, lachen. Warum sich Giuliana auf dieses Spiel einlässt erfährt der Zuschauer nicht explizit. Man erkennt zwar, wie entfremdet sie mittlerweile von ihrem Mann ist, jedoch erfährt man nie warum sie sich auseinander gelebt haben. Sie führen keine Beziehung mehr, sie existieren nur noch. Dass auch der kurze Seitensprung mit Corrado ihr keine Erlösung bringt, weiß Giuliana nicht. Als sie sich mit Freunden in einem kleinen Haus am Hafen treffen, von Nebel eingehüllt, kommt beinahe etwas wie Lebensfreude auf, als sie beim entzünden des Ofens die halbe Hütte kurz und klein schlagen, um genug Holz zur Verfügung zu haben.
      Doch so etwas lässt Antonioni in seiner Welt nicht zu. Als sie die Hütte verlassen, verschwindet jede Form von Glück und Fröhlichkeit in einer Wand aus Nebel. Das industrialisierte Nachkriegsitalien lässt keine Form von menschlicher Kommunikation zu, erstickt Wünsche, Träume und Sehnsüchte zwischen Stahlträgern und rostigen Ozeanrisen.
      Keine der Figuren hat noch Hoffnung aus ihrem Dasein auszubrechen, Corrado möchte auf einem Schiff gen Südamerika flüchten. Giuliana hängt zwischen dem Konstrukt familiärer Tradition und dem Wunsch ihr altes Leben hinter sich zu lassen.
      Gegen Ende lässt Antonioni aber doch noch einen Lichtblick zu, als Giuliana ihrem Sohn ein Märchen erzählt, von einem Mädchen, welches an einem Strand lebt, umgeben von Sonne, Licht und strahlend blauem Wasser. Dieser Kontrast ist der wohl einzige Protest im Film, Giulianas Aufbäumen gegen die kalte, eisgraue Wirklichkeit. Schönere Bilder hat man in einem Antonioni Film wohl noch nie gesehen.

      Am Ende bleibt doch alles wie immer, Giuliana und ihr Sohn stehen vor einer Fabrik. Aus einem Schlot kommt gelber Rauch. Sie erklärt ihrem Sohn, dass der Rauch giftig sei, woraufhin ihr Sohn fragt, ob da nicht alle Vögel sterben wenn sie durch den Rauch fliegen. Und da gibt Giuliana die Antwort, welche sie für ihr eigenes Leben leider nicht hat. Die Vögel haben sich angepasst, denn sie weichen dem giftigen Rauch aus. Eine Option, die es für Giuliana nicht mehr gibt.

      [film]8[/film]

      What fools these Mortals be!
    • Definitiv vom italienischen Neorealismus beeinflusst, das Ganze mit französischem Kino gepaart scheint durchaus interessant zu sein und gehobenes Format zu haben. Aber das sagt der allein der Name Antonioni.

      Claude Faraldo ist übrigens 1973 mit einer ähnlichen Thematik sehr anarchistisch umgegangen. (Themroc)
    • Auf jeden Fall empfehlenswert. Blow Up ist zwar nicht so bedrückend, aber auch etwas angenehmer zu sehen. Deserto Rosso wird gegen Ende hin leider etwas zäh, deshalb auch der Punkteabzug.
      What fools these Mortals be!
    • Red Desert hört sich ja hochinteressant an.
      Wenn mir dieses Teil in die Finger kommt, werde ich ihn mir zulegen.
    • Es gibt davon einige schöne Ausgaben. Allen voran die Criterion Blu-Ray (US), BFI Blu-Ray(UK) oder die Arthaus DVD (DE).
      What fools these Mortals be!
    • Schon entdeckt und auf meine Wish-List gelegt. Muss erst wieder bissel sparen, hehe :0:
    • Der französische Einfluss ist stark ausgeprägt. Ohne diesen würde ich den Film wohl besser bewerten, da ich mit dem französischen Arthaus-Genre nicht viel anfangen kann.
      Zudem ist der Film wirklich langwierig geraten, auch wenn die Märchen-Szene natürlich fabelhaft in Szene gesetzt ist.
      [film]7[/film]
      "Wer das Negative regelmäßig ausblendet, wird positiv krank." - Paul Mommertz